Die Geister an Ferragosto

Es war mal wieder soweit! Ferragosto! Für einen Italiener das wichtigste Fest im Jahr – so empfinde ich es zumindest. Ferragosto ist auch der Tag, an dem Mariä Himmelfahrt gefeiert wird.

Mir wird es mal wieder bewusst, als ich beim einkaufen war. Ich habe Francesca getroffen, eine Mutter von drei Kindern, sie war total aufgeregt und erzählte mir, dass sie schon alles vorbereitet hätte. Morgen stehe sie um 4 Uhr auf, um die „pasta al forno“ (ein Nudelgericht aus dem Backofen) zu machen und dann ginge es los! Ich musste erstmal nachfragen: „Ja wohin denn“? Sie schaut mich mit großen Augen an und sagt „Ferragosto!“. Klar, wie konnte ich das am 13. August vergessen. Ferragosto steht vor der Türe und jeder der kann und die Möglichkeit hat, der feiert am Strand. Nur ich hatte vergessen zu flüchten!

Ferragosto heißt Chaos am Strand

Hier geht das Chaos aber schon wesentlich früher los. Nicht nur, dass in der Woche von Ferragosto viele Italiener Urlaub haben, mir scheint auch, dass sie sich schon vorher den Besten Platz am Strand aussuchen, an dem sie dann feiern können. Jedenfalls war für mich zwei Tage zuvor eine Ausfahrt von meinem Haus zur Hauptstraße nicht mehr möglich. Sie haben es tatsächlich geschafft einen Stau über eine Länge von mehr als 3 km hin zu legen was eine Wartezeit von gut einer halben Stunde bedeutete, nur um auf die Hauptstraße zu kommen.

Ich war in diesem Jahr bei einer sizilianischen Familie zuhause eingeladen und war sehr gespannt wie so waschechte Sizilianer Ferragosto feiern.

Der 14. August war ein heißer, windstiller Tag und somit alle am Meer. Einer nach dem anderen trudelte langsam gegen Abend ein und dann begann das große Fressen! Berge von gegrilltem Fleisch, ob Spieße, Hähnchen oder Steaks und Fisch in allen Variationen, eingelegt in Öl oder süß-sauer, Kartoffelsalat, so einfach und so lecker, Oliven, gegrillte Auberginen, panierte Auberginen und einiges Mehr. Bis wir endlich angefangen haben zu essen war es bereits nach 23 Uhr. Für Sizilianer typisch, für mich schwierig zu verdauen. So ein deutscher Magen stellt sich halt nicht von heut auf Morgen um. Dazu gab es BIER! Naja, wenigstens italienisches Bier.

Und dann ging’s ab ans Meer! Auf dem Weg zum Meer hörte ich schon die ersten Fragen, ob man denn ins Meer könne um zu baden, was denn mit den Geistern wäre. Hä Geister? Ich fragte nach und man erzählte mir die Geschichten:

Ein Volksglaube besagt, dass an diesem Tag im Meer Geister wären und diese würden nur dadrauf warten, dass sie einen ahnungslosen Schwimmer in den Abgrund ziehen können. Das betrifft aber nicht nur das Baden in der Nacht vom 14.08. auf den 15.08., sondern um die Tage um Ferragosto im Allgemeinen.

Die andere Legende ist mit einem Fluch verbunden. Es wird erzählt, dass vor vielen Jahren ein junges Paar am 15. August im Canale d’Otranto geschwommen ist. Der Kanal befindet sich in der Nähe von Lecce, also am äußersten Zipfel des Absatzes, wenn man Italien als Stiefel betrachtet. Dort wo das Adriatische Meer auf das Ionische Meer trifft. Hier also schwamm das noch unverheiratet Paar und das Mädchen wurde von einer großen Welle mitgerissen und ertrank. Der junge Mann schaffte es aber, sich zu retten. Monatelang ging er in seiner Trauer nicht mehr ins Wasser, aber am Tag von Mariä Himmelfahrt ging er am Ufer entlang, um seiner Geliebten zu gedenken. Es wurde wie ein Ritual, dass er jedes Jahr am 15. August wiederholte. Dazu setzte er sich auf eine Klippe und betete. In seinem letzten Jahr jedoch, wurde er von einer unerwartet großen Welle ins Meer gerissen und ertrank ebenso.

Wie das so ist, steckt in jeder Geschichte ein Fünkchen Wahrheit. Diese Geschichte wird gerne Kindern erzählt, um sie vom Wasser fernzuhalten. Denn Ferragosto wird nach wie vor in riesigen Gelagen, mit Familien fast so groß wie ein Dorf, am Strand gefeiert, man isst und trinkt in der Gesellschaft meist mehr als sonst und möchte daher die Risiken von Badeunfällen minimieren.

In der Tat, haben in dieser Nacht nur wenige den Mut ins Wasser zu gehen. Ich gehe nicht hinein, mir ist das Wasser zu kalt, aber die Kinder finden es natürlich super.

Zwischenzeitlich ist es 1 Uhr nachts, nun ist es Zeit für die Nachspeise. Eis und kleine Leckereien in Hülle und Fülle, aus der Pasticceria. Als ich verwundert frage, um diese Uhrzeit die Nachspeise? Da bekomme ich zur Antwort: „Bis vor ein paar Jahren noch, da haben wir um diese Zeit die mitternächtlichen Spaghetti gekocht!“ Ok, dann doch lieber ein Eis.

Später rolle ich mich ins Bett und höre noch dem schrecklichen Karaokegesang meiner Nachbarn zu, bis sie endlich um 4 Uhr morgens das Mikrofon beiseite legen.

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