Die Kasbah von Mazara del Vallo

Die Kasbah von Mazara del Vallo. Der älteste Kern von Mazara del Vallo ist die Kasbah, diese bilden hauptsächlich die historischen Viertel von San Francesco und Giudecca. Hier ist immer noch die Geschichte der muslimischen Herrschaft sichtbar.

Ich bin zwar oft in Mazara del Vallo* und bin auch schon oft durch die Kasbah gelaufen, nicht wissend wo sie anfängt und wo sie aufhört. Aber an diesem Wochenende gibt es das Angebot einer geführten Tour und die möchte ich gerne wahrnehmen.

Treffpunkt ist um 16 Uhr an der Piazza Morcarta bei den Überresten einer Burg, die die Araber zurückgelassen haben. Es scheint als wäre ich die Einzige, die sich bei über 30 Grad aus dem Haus wagt. Die Mehrheit fläzt sich am Strand herum und der Rest liegt vermutlich noch beim Verdauungsschläfchen in einer kühlen Ecke.

Mindestteilnehmerzahl sind 10, gekommen sind inklusive mir, drei, plus Angelica die für uns die Führung macht.

Angelica erzählt uns, dass die Kasbah um 827 . Chr. von den Tunesiern gegründet wurde und heute ca. 60% Tunesier beherbergt und nur etwa 40% Mazareser.

Der Rundgang

Endlich starten wir unseren Rundgang, denn ich schmelze fast unter sizilianischer Sonne dahin. Unser erster Halt ist die barocke Kathedrale, die sich ganz in der Nähe der Piazza Mocarta befindet. Die Kathedrale bildet zusammen mit dem Klerikerseminar die Piazza della Repubblica. In diesen Gebäuden sind heute verschiedene Geschäfte und die Stadtverwaltung untergebracht.

Die Kathedrale war früher eine von den Arabern gebaute Moschee, an der der Zahn der Zeit nagt. Um diese Zeit wurden viele andersgläubige zum Christentum bekehrt und so kam es, als Missionare Sizilien im Jahr 1750 über Messina erreichten und sich zum Ziel setzten, die Moslems zum Christentum zu bekehren. Für die Missionare war die inzwischen baufällige Moschee der ideale Standpunkt. Sie ließen die Moschee niederreißen und bauten an deren Stelle eine christliche Kirche.

Über dem Eingang prangt eine Szene aus Marmor, wie ein christlicher Reiter über einen Moslem reitet. Damit wird symbolisiert, dass die christliche Kirche über den muslimischen Glauben gesiegt hat.

Die Kasbah von Mazara del Vallo

Angelica erzählt, während wir durch die Kasbah von Mazara del Vallo schlendern, dass die Tunesier von den Arabern vertrieben wurden. Aber es waren die Tunesier die Teile ihrer Kultur hinterließen. Noch heute gehört der Couscous* zum Nationalgericht im westlichen Sizilien. Es wurde durch die hiesige Fischerei mit Fisch angereichert und so „sizilianisiert“. Auch den Weizen hatten die Tunesier mitgebracht und so Sizilien zur Kornkammer von ganz Italien gemacht.

Deportation der Araber

Im Jahr 1232 werden die Araber von einflussreichen sizilianischen Familien deportiert und nach Apulien gebracht, um Platz für die Fischer zu machen. Inzwischen ist die Fischerei eine Haupteinnahmequelle der Mazareser geworden und der Wohnraum ist knapp. Auch heute noch sind die roten Gamberi (Garnelen) und der weiße Gamberoni (Krabben) eine Spezialität, für die Mazara bekannt ist.

Die Anfänge der Abwanderung beginnt in den 1960er Jahren. Als sich 1968 das große Erdbeben von Belice zuträgt und obwohl durch das Erdbeben keine großen Schäden an den Häusern entstehen, beginnt die Abwanderung in großem Stil. Gleichzeitig kommen die ersten tunesischen Einwanderer in die leeren und dem Verfall preisgegebenen Häuser der Kasbah zurück. Sie leben unter prekären hygienischen Bedingungen, jedoch sind sie nahe an den Stellen, an denen Arbeitskräfte rekrutiert werden. Das ist der Kanalhafen für den Fischereisektor und die Piazza Porta Palermo für die saisonalen Landarbeiter.

Obwohl die Stadt im Laufe der Zeit auf- und umgebaut wurde und städtebauliche Veränderungen vorgenommen wurden, so bewahrt die Kasbah doch die Anordnung der Straßen nach den traditionellen islamischen Modellen und ihrer Kultur. Es bleibt ein Labyrinth aus gewundenen engen Straßen und Gassen mit scharfen Kurven und kleinen Höfen.

Die Höfe werden auch heute noch als einen halbprivaten Teil ihrer Häuser von den Bewohnern angesehen. Sie möchten isoliert in ihrer Welt leben. Daher kann es passieren, dass man gestern noch passieren konnte und heute befindet sich ein Gittertor an der engen Stelle zum Hof. Ich frage nach, ob ich überhaupt Fotos machen darf. Angelica sagt, es ist kein Problem, aber es ist klar, dass die Bewohner nicht fotografiert werden möchten, denn die Kasbah bleibt trotz allem ein Mikrokosmos für sich.

Immer wieder sieht man kurz Frauen an den Fenstern auftauchen, die aber gleich wieder verschwinden. Wir kommen an einem Tunesischen Verein vorbei, hier sitzen aber nur Männer im Schatten und vertreiben sich die Zeit. Frauen sieht man keine.

Bunte Fliesen an den Wänden

Man sieht viele einzelne bunte Fliesen, die an den Wänden und auf der Erde befestigt sind. Sie wurden 2009 von einer Initiative, ausgehend vom damaligen Bürgermeister, organisiert. Böse Zungen sagen, er wollte mit dieser Aktion seiner Tochter, die sich im Karamikgewerbe selbständig gemacht hatte, einen lukrativen Auftrag verschaffen. In der Tat ist es so, dass diese Art der Keramik weder zur Kultur der Tunesier, noch zur Kultur der Mazareser gehört.

Mit dieser Aktion wollte man der Stadt Mazara Aufmerksamkeit verschaffen und Touristen locken. Bewohner, die die Kasbah nicht nur als Geldesel der Stadt sehen, sondern als Teil der Geschichte von Mazara, beschweren sich, dass heute Instagramer kommen, sich in Position stellen, schnell ein Foto machen und anschließend wieder verschwinden. Sie stören damit den Frieden der Bewohner, die sich „ausgestellt“ vorkommen.

Die Bewohner der Kasbah

Es waren und sind aber nicht nur die Tunesier und später die Araber die die Kasbah bewohnten und heute wieder bewohnen. Zu den Migranten gehören auch Roma und später Albaner und Slawen. Mit der jüngsten Migrationswelle gehören auch Schwarzafrikaner zu den heutigen Bewohnern.

Straßennamen und die Geschichte

Die Straßennahmen die man sieht, erzählen vom Leben in der Kasbah. So erzählt die Via Maddalena folgendes:

In der Contrada, wo die Via Maddalena verläuft, gab es in der Antike die Kirchen: Kirche San Bartolomeo, Santa Veneranda, Santa Maria La Nuova, die Kirche der Itria, San Calogero, San Domenico und die der Maddalena.

Bis auf die ersten beiden sind die anderen alle verschwunden und bleiben nur noch im Straßennamen der sieben Kirchen in Erinnerung.

In der volkstümlichen Tradition wurde die Straße Maddalena als die Straße des Glücks identifiziert, weil man beim Überqueren der Straße die Lösung eines Problems haben konnte.

Dazu gab es noch eine weitere Legende: In der Weihnachtsnacht erhielt jeder, der die weiße Magie praktizierte, die Gabe des Hellsehens*, wenn er aus jedem Brunnen der sieben Kirchen ein wenig Wasser sammelte.

Ich bedauere es beim lesen der Fliesen, dass fünf der sieben Kirchen nicht mehr existieren, denn Hellsehen, dass wollte ich schon immer können.

Die Via Marobbio erzählt vom Marobbio

Hier kann man auf den Fliesen lesen, wie stolz die Mazareser nicht nur auf ihre Gegend, sondern auch auf die natürlichen Vorkommnisse sind:

Uns gefällt die Vorstellung,
dass der Marrobbio uns gehört
und nur uns gehört
und niemand wagt es, unser Marrobbio mit dem anderer Orte zu vergleichen.
Denn unser ist unser und er ist der schönste

Bedeutung des Marrobbio:

„Marrobbio ist eine Flutbrandung, die es nur an der West- Süd und Ostküste von Sizilien gibt. Insbesondere aber an der Südwest-Küste von Sizilien, ferner rings um die Inseln zwischen Sizilien und der afrikanischen Küste sowie in der Nähe des Hafens von Tripoli treten gelegentlich periodische Schwankungen des Wasserstandes auf, die bei ruhigem Wetter Unterschiede von 0,5 bis 1,0 Meter erreichen können. Die Erscheinung besteht aus einer einzigen Schwankung oder aus einer ganzen Reihe von Schwankungen und besitzt eine Periode von 10 bis 26 Minuten. Sie ist in den verschiedenen Gegenden Siziliens unter den Bezeichnungen „Marrubbio“, „Marobbio“ oder „Carrobbio“ bekannt. Anscheinend hängt sie mit plötzlichen Änderungen der meteorologischen Verhältnisse über dem gesamten Bereich des Mittelmeeres zusammen und nicht unbedingt mit Änderungen der örtlichen Verhältnisse.“ (aus Mittelmeerhandbuch 1977 s. 156)

Die Moschee

Wie wir so durch die engen Gassen schlendern, kommen wir genau um 17 Uhr an der Moschee vorbei. Der Muezzin ruft und aus allen Ecken kommen die Gläubigen gelaufen und versammeln sich in der Moschee. Die Moschee ist nur ein privater Raum, der von den Moslems für ihre Gebete geschaffen wurde.

Das Haus von Ali

In der Kasbah befindet sich auch das Haus von Ali. Ali ist ein Fischer, der inzwischen in Rente ist. Er erzählt Angelica, dass es seiner Frau nicht gefiel, wenn er im Haus rauchte. So hat er sich daran gemacht, sein Haus außen zu verschönern. Mit den Verzierungen seinen Hauses hat der alte Fischer das Meer wiedergegeben. Der dunkle Meeresboden, geschmückt mit Steinen und das blaue Wasser darüber. Während des Lockdowns wegen Corona kam noch das Gartentor dazu und inzwischen ist es ein beliebter Punkt, an dem Angelica Fotos ihrer Teilnehmer macht. Ich jedoch begnüge mich mit dem „nackten“ Haus, denn schließlich ist das Haus der Mittelpunkt dieser Geschichte.

Couscous

Wer nach Mazara kommt, der sollte sich unbedingt ganz unaufdringlich die Kasbah anschauen und sich danach in das kleine Restaurant nahe des Hafens setzen. Hier gibt es das Beste Couscous in Mazara:

Funduq Cafè, Piazza Immacolata 8, 91026 Mazara del Vallo

Wir beenden unseren Rundgang bei der Kathedrale, in der Hoffnung, dass sie nun geöffnet ist. Wir finden ein neues Öffnungszeiten-Schild und sehen, dass die Öffnungszeiten in die Abendstunden verlegt worden sind. Na gut, vermutlich ist es mittags auch dem Pfarrer zu heiß. Es macht nichts, denn ich komme wieder…

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