Mein Besuch beim Arzt

Mein Besuch beim Arzt und die Reise in die Vergangenheit.

Ich hatte ja schon einmal einen Beitrag geschrieben, wie es sich in einem kleinen Ort auf Sizilien so lebt. Dabei habe ich aber mehr oder weniger vom Tagesablauf berichtet. In so einem Nest gibt es aber auch eine Nacht und die ist nicht ohne.

Nicht das hier nachts Partys gefeiert werden, nein ganz und gar nicht. Hier wohnen die Hunde auf den Dachterrassen und kläffen nachts bei jedem Geräusch oder jeder Bewegung in der Straße. Es kommen Arbeiter nachts heim und es gehen die Landarbeiter früh morgens mit ihren lärmenden Mofas zur Arbeit. Im Sommer schnettern* die Generatoren Tag und Nacht um den umliegenden Gemüseanbau zu bewässern. Alles Geräusche, die meinen nächtlichen Schlaf beeinträchtigen.

Wegen all dieser Lärmquellen habe ich es mir angewöhnt nachts mit Ohrenstöpsel* zu schlafen. Das ist für mich die Lösung aller nächtlichen Probleme und ich schlafe damit ruhig und friedlich. Bis jetzt.

Jetzt nämlich haben mir diese Ohrenstöpsel eine Entzündung im Ohr beschert, die leider einen Besuch beim Ohrenarzt notwendig macht. Wie immer frage ich meine Freundin Stefania nach einem guten Arzt und so bekomme ich auch einen empfohlen. Stefania sagt, da muss man vorher keinen Termin vereinbaren, da geht man einfach hin, aber schon um 7 Uhr, denn um 10 Uhr ist die Praxis bereits wieder geschlossen.

Der Versuch einen Termin zu bekommen

Da man mir in der Apotheke keine Tropfen geben will, sondern mir den dringenden Rat gibt einen Arzt aufzusuchen, gehe ich halt am nächsten Morgen los um mein Ohr untersuchen zu lassen.

Pünktlich um 6:45 Uhr stehe ich vor der Praxistüre. Ich bin aber nicht die Erste, sondern es wartet schon eine Frau. Als sie mich sieht springt sie auch sofort aus dem Auto und verteidigt ihren ersten Platz. Sie erklärt mir, dass sie den Platz eines Patienten einnehmen kann, der nicht erschienen ist. Denn seit Corona ist es so, dass man sehr wohl vorher einen Termin vereinbaren muss und nicht einfach vor der Praxis auftauchen kann.

Es kommen weitere Patienten die von der neuen Regelung der Terminvereinbarung so viel Ahnung haben wie meine Freundin Stefania. Und jedes mal prescht die Frau vor, erzählt ihre Geschichte und macht klar, dass sie die nächste ist – auch ohne Termin. Es nützt aber alles nichts, ich kann vor Ort keinen Termin vereinbaren. Ich mache also ein Foto vom Aushang an der Türe, auf dem verschiedene Telefonnummern für verschiedene Uhrzeiten zur Terminvereinbarung stehen und fahre nach Hause.

Mein Besuch beim Arzt

Mittags erreiche ich den Arzt telefonisch und kann einen Termin für den übernächsten Tag vereinbaren. Er fragt, wann ich denn kommen kann, worauf ich antworte, so früh wie möglich. Also bekomme ich einen Termin um 6 Uhr und bin nicht die erste Patientin für diesen Tag, so wie er mir sagt.

Als ich am übernächsten Tag los fahre, ist es draußen noch dunkel. Die ersten Arbeiter sind bereits auf ihren unbeleuchteten Fahrrädern auf unbeleuchteten Straßen unterwegs und ich muss aufpassen, dass ich nicht den Ein- oder Anderen über den Haufen fahre.

Eine Reise in die Vergangenheit

Ich bin 10 Minuten früher da und klopfe kräftig an die Praxistüre. Drinnen höre ich einen Stuhl quietschen und mir wird sofort die Türe geöffnet. Vor mir steht ein wirklich alter Mann in weißem Kittel* und lächelt mich freundlich an. Er findet es toll das Deutsche so pünktlich sind, denn der Sizilianer der vor mir einen Termin hat ist nicht gekommen. Darüber ärgert sich der Arzt, denn schließlich hat er den Platz für diesen Patienten blockiert.

Der Arzt bringt mich in einen Behandlungsraum am Ende des Flurs. Ich fühle mich, als wäre ich nicht in einen Behandlungsraum eingetreten, sondern mit einer Zeitmaschine mindestens 60 Jahre zurück katapultiert worden. Aber gut, ich will nicht voreingenommen sein.

So fragt mich der Arzt nach meinem Anliegen und macht sich sogleich Notizen. Ich muss auf einem Stuhl platz nehmen, der irgendwie nach Gefängnis aussieht, komplett aus Metall in gelbweiß gestrichen. Der Lack ist teilweise abgeblättert und wieder überstrichen worden.

Da sitze ich nun und sehe wie der Arzt ein Instrument vorbereitet. Ich schaue mich um und sehe Gerätschaften, die vor langer Zeit einmal verchromt gewesen waren, heute aber nur noch eine dunkelgraue Oberfläche haben. Nicht ganz so vertrauenswürdig, aber mein Ohr lässt mir keine andere Wahl.

Die Untersuchung

Dr. Forti, so heißt der Arzt, setzt sich einen Ring auf den Kopf mit so einem runden Schild auf der Stirn. Ich kenne das nur aus Zeichentricksendungen oder Kinderbüchern. In Echt habe ich das bisher noch nicht gesehen. Ich finde das sehr lustig und würde am liebsten ein Foto machen, aber meine Erziehung verbietet mir das, schließlich möchte ich das nicht ins lächerliche ziehen.

Nun bewaffnet sich Forti mit einem langen Stab, so lang, dass der locker in ein Ohr hineingeschoben, aus dem anderen Ohr wieder heraus reichen könnte. Der Stab ist an einen Monitor angeschlossen und so kann ich selbst in mein Ohr hinein schauen und sehe die Misere. Gründlich ist der Doktor Forti ja schon, zuerst das eine Ohr, Stab abputzen, dann das andere Ohr, Stab abputzen und zum Schluss werden noch meine beiden Nasenlöcher untersucht. Jawohl! Das macht echt Spaß am frühen Morgen.

Während der Untersuchung sage ich zu ihm, dass er wirklich früh anfängt zu arbeiten. Er lacht und sagt, ja dass bin ich gewohnt, schließlich macht er die Arbeit ja seit 68 Jahren. So schnell kann ich aber gar nicht rechnen* was 68 Jahre Arbeit, Schulzeit und Studium für ein endgültiges Alter ergeben könnten, da sagt er auch schon voller Stolz, dass er schon 91,5 Jahre alt ist.

Das haut mich fast von meinem Eisenstuhl! 91,5 Jahre ist wirklich ein erstaunliches Alter, das natürlich auch die Einrichtung erklärt. Trotz allem ist der Arzt noch super fit und kompetent. Nach dieser Untersuchung macht er noch einen Hörtest für Innengeräusche und Außengeräusche und anschließend wirft er die benutzen Gerätschaften in einen Kochtopf* der auf einer elektrischen Heizplatte* hinten in der Ecke steht.

Sauberkeit muss sein

Während er auf dem Zettel seine Untersuchungsergebnisse notiert und mir immer mal wieder erklärt was behandlungstechnisch nun zu tun sei, fängt es im Topf an zu kochen. Da hebt der Arzt plötzlich seinen Kopf, schaut mich an und fragt, was dass für ein Geräusch ist. Ich muss grinsen und sage, dass es der Kochtopf ist. Da muss auch er lachen und streckt seinen Zeigefinger in die Luft, als wolle er sagen, stimmt, den habe ich eingeschaltet.

Zum Schluss schreibt er mir eine Rechnung über 50 € für eine Untersuchung von 40 Minuten und ein Rezept für die Medikamente und sagt, dass ich in 10 Tagen zur Nachuntersuchung wieder kommen soll. Die Nachuntersuchung wäre aber kostenlos, dass würde er immer so machen, da er die Leute nicht schröpfen will, schließlich kann man nichts mit ins Grab nehmen. Den Zettel mit den Untersuchungsergebnissen drückt er mir auch in die Hand und sagt, dass ich den für die Nachuntersuchung wieder mitbringen soll. Also Patientenakten werden hier nicht gehortet.

So gehe ich hinaus in die frische Morgenluft, die Sonne geht langsam auf und auch der nächste Patient steht schon vor der Tür.

Nachuntersuchung

Bei der Nachuntersuchung fragt mich Dr. Forti genau, wie lange ich die Medikamente eingenommen habe und wie mein Befinden ist. Die Untersuchung verläuft gleich wie bei meinem ersten Besuch, nur dass dieses Mal nur mein Problemohr angeschaut wird, wobei es keine Probleme mehr macht. Danach noch einmal einen Hörtest für beide Ohren und dann werde ich endgültig als geheilt entlassen.

Kosten für die Nachuntersuchung 0,00 € – so wie versprochen. Den Zettel mit den Untersuchungsergebnissen soll ich aufbewahren und bei einem eventuellen nächsten Besuch wieder mitbringen. Das nenne ich mal eine schlanke Organisation die der Dr. Forti da führt.

Egal wie antik die Praxis daher kommen mag, die Behandlung war jedenfalls Top und den überaus sympathischen Dr. Forti kann ich nur wärmstens empfehlen.

2 thoughts on “Mein Besuch beim Arzt

  1. Die guten, alten Zeiten… wenn die in anderen Bereichen nur auch noch zu finden wären…
    Sehr guter Bericht! Alles Gute für deine Ohren und Dr. Forti

    1. Liebe Rosa,
      vielen Dank für deine Wünsche. Ja auf Sizilien findet man noch einiges aus der guten alten Zeit, dass macht Sizilien auch sehr lebenswert. In Deutschland ist leider schon viel davon verschwunden. Daher ist Sizilien einen Besuch wert. Viele Grüße und vielleicht bis bald auf Sizilien Claudia

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.