Mein Kampf im Rathaus

Mein Kampf mit dem Rathaus ist vielleicht fälschlich ausgedrückt, da das Rathausgebäude selbst ja nichts dafür kann, aber es soll stellvertretend für den Ort stehen, in dem ich zäh und ausdauernd meine persönliche Schlacht schlage.

Der Beginn meines Kampfes ist auch schon eine Weile her. Er begann nämlich dann, als es auch auf Sizilien zu regnen anfing, dass war im Oktober vergangenen Jahres. Aber meinen Erfolg, den feiere ich jetzt, genau neun Monate später.

Die Geschichte ist folgende: Die Straße, die am Meer entlang zu meinem Haus führt ist löchrig wie ein Schweizer Käse. Da es auf Sizilien im Winter auch regnet, sind die Pfützen bis zum Rand gefüllt und entweder gar nicht oder nur schwer passierbar. Deshalb habe ich mich entschlossen, einmal einen netten Besuch auf dem Rathaus abzustatten.

Das ist die Straße! Falls man sie noch als solche Bezeichnen kann und selbst für einen Geländewagen eine Herausforderung.

Ich denke mir, wenn ich schon ins Rathaus gehe, dann nicht nur wegen der Straße, dann soll es sich lohnen. Also stehen auf meiner persönlichen Mecker-Liste die Themen Schlaglöcher, Müll und Hunde.

Im Rathaus angekommen, erkundige ich mich am Empfang, wer für mein Schlaglochproblem zuständig ist. Es ist ein Ingenieur, sehr vielversprechend fand ich und hoffe noch in meiner Vorfreude, den Löchern ein schnelles Ende bereiten zu können. Vor der Bürotüre heißt es erst mal warten, dann werde ich als „Frau“ noch von einem störrischen Sizilianer abgedrängt, da seiner Meinung nach Frauen wohl eh nichts zu sagen haben.

Der Ingenieur hört sich alles geduldig an, lässt sich die Straße sogar noch auf GoogleMaps zeigen und mir scheint, die Sache hat nun Hand und Fuß. Er verspricht mir, sich meinem Anliegen anzunehmen. Ich verspreche ihm im Gegenzug, wenn nichts passiert, dann stehe ich nächste Woche wieder auf der Matte. Für mein Hundeproblem, da solle ich doch bitte in das Nebengebäude gehen und für das Müllproblem einen Stock tiefer.

Also gehe ich zuerst einen Stock tiefer, dort erhalte ich eine Email Adresse, die ich doch bitte benutzen soll, wenn wieder Säckeweise Müll direkt am Meer und gefühlt vor meiner Haustüre wild abgelegt werden sollten.

Diese Adresse wird sich in Zukunft als sehr nützlich erweisen, denn von nun an schicke ich mindestens einmal pro Woche ein Email mit Foto und Wegbeschreibung an das Rathaus. Nach anfänglichem Zögern funktioniert die Abholung inzwischen einwandfrei.

Mit der Email Adresse in der Hand wandere ich nun ins Nebengebäude um meinen dritten und letzten Punkt auf meiner Mecker-Liste abzuarbeiten. Die streunenden Hunde, die bereits meinen Hund angefallen und auch ziemlich verletzt hatten, müssen noch bekämpft werden.

Die zwei Damen, die ich wohl sichtlich bei ihrem Kaffeeklatsch gestört habe, sind trotzdem freundlich. Sie erklären mir, dass weibliche streunende Hund eingesammelt, sterilisiert und nach vier Monaten wieder zurück gebracht werden. Ich verstehe nicht ganz und wende ein, dass die Gefahr aber trotzdem bestehen bleibt. Sie nicken freundlich und sagen, dass wissen wir, aber wir wissen nicht, wohin mit den Hunden, die wenigen Tierheime die es gibt sind schon restlos überfüllt.

Ich solle aber trotzdem einen Antrag stellen und dafür muss ich ins Schreibzimmer. Auf Sizilien gibt es in den Rathäusern noch Schreibzimmer, dort werden die Anliegen der Bürger aufgenommen und bei den zuständigen Sachbearbeitern als Dokument abgelegt. Lust habe ich nach meinen inzwischen zahlreichen Vorsprechen und Erklärungen zwar keine mehr, aber ich denke an das Procedere meiner Hausnummer, dass ich es wohl tun muss. Ich denke auch daran, dass ich immer noch keine amtliche Hausnummer habe und meine eigene Kreation ganz gut funktioniert, aber ich will es trotzdem versuchen.

Die Dame im Schreibbüro kennt mich inzwischen und ist meiner Meinung nach die sympathischste Frau im ganzen Rathaus. Sie gibt mir ein Blatt Papier, darauf schreibe ich meine Anliegen und mache mich davon.

Endlich sitze ich im Auto und stelle fest, dass diese Aktion über eine Stunde gedauert hat. Aber es sollte nicht das letzte Mal gewesen sein, dass ich dem Rathaus einen Besuch abstatten muss und es sollte auch nicht der kürzeste Besuch gewesen sein.

Es regnet in diesen Tagen ziemlich viel und mit den Schlaglöchern tut sich nichts, außer dass sie langsam einem Freibad gleichen. Also stehe ich wie versprochen, genau eine Woche später, wieder im Büro des Ingenieurs. Er versichert mir, mit seinem Vorgesetzten gesprochen zu haben, aber leider habe sich in der letzten Woche viel ereignet, denn er selbst ist nicht mehr für mich zuständig, dass würde nun der Chef selbst machen. Den Chef kenne ich aber bereits und es passt mir gar nicht, denn das ist meiner Meinung nach die unfähigste und verlogenste Person im ganzen Rathaus. Also bleibt mir nur eins! Ich stelle mich am Empfang wieder in die Schlange und verlange einen persönlichen Termin beim Bürgermeister. Ich sage auch ganz deutlich, dass ich mit dem zuständigen Ingenieur nicht reden will, ich will sofort mit dem Chef sprechen. Deutsche Hartnäckigkeit ist man noch nicht gewohnt, aber ich bekomme trotzdem einen Termin in zwei Wochen. Mit meinem Zettel in der Hand mache ich mich auf und davon.

Heute ist nun mein Termin beim Bürgermeister, pünktlich wie ein deutscher Maurer stehe ich zwei Wochen später wieder im Rathaus. Man sagt mir, dass der Bürgermeister Gäste habe und ich eventuell etwas warten müsse, aber ich solle mich oben aufs Sofa setzen.

Da sitze ich nun und sehe, wie der Bürgermeister geschäftig mit Schärpe und großer Aufmachung in den Saal geht, der sich hinter dem Sofa befindet. Ich spähe durch das Oberfenster und sehe, dass drinnen eine Schulklasse sitzt und er erklärt ihnen seine Zuständigkeiten und zeigt sich von seiner besten Seite. Nach einer halben Stunde warten erkundige ich mich bei seiner Sekretärin, ob sich ein weiteres Warten lohnt. Sie grinst und sagt, es lohnt sich. Nach einer weiteren halben Stunde kommt der Bürgermeister zu mir, schüttelt mir freundlich die Hand und fragt mich, woher er mich denn kenne?

Nun sehe ich meine Felle davon schwimmen, denn mein Freund, ist sein ärgster Feind! Mir wird klar, wenn er sich mit mir an einen Tisch setzen will, dann muss er über seinen Schatten springen. Ich sehe es an seinem Gesichtsausdruck, sein Lachen gefriert und er tritt einen Schritt zurück. Es ist klar, mit mir will er nichts zu tun haben. Ich bin auch nicht begeistert von ihm, er taugt nicht besonders als Bürgermeister, zumindest nicht für die, die ihm nicht zu Füßen liegen.

Ich werde von Giacomo, einem Ratsmitglied, in ein Büro geführt. Er erzählt mir, dass der Bürgermeister leider krank wäre und er ihn vertreten würde. Ungläubig schaue ich ihn an, vor einer halben Stunde war er noch fidel und munter und hat sich vor den Schülern aufgeplustert. Aber ich verstehe, das Unwohlsein kommt daher, dass ich die Freundin von seinem ärgsten Feind bin. Mir bleibt nichts anderes übrig, also erzähle ich ihm alle meine Probleme und er nickt verständig bei jedem Satz. Er sagt, es wären nur Kleinigkeiten und kein Problem. Ich schöpfe wieder einmal Hoffnung und wir verabschieden uns.

Dann verbringe ich die nächsten Wochen und Monate mit warten, bis ich ihn wiedersehe, Giacomo – ganz zufällig! Er baut gerade seine Bar am Strand auf. Jawohl, ein Ratsmitglied hat es schon einfacher als ein normaler Bürger die Genehmigung für eine Bar am Strand zu bekommen. Ich schlendere vorbei und grüße. Eigentlich will er mich nicht sehen, dass merke ich genau und er tut alles dafür nicht gesehen zu werden, aber ich bleibe lästig. Deshalb stelle ich mich direkt vor ihn, grinse und frage nach, was mit meiner Straße los wäre, seit Monaten warte ich darauf, dass die Löcher gestopft werden und nichts ist geschehen. Er windet sich und plötzlich gibt er kleinlaut zu, dass die Gemeinde kein Geld habe! Es täte ihm leid.

Diese Information ist mir nicht neu und deshalb wurde in meiner Nachbarschaft auch schon überlegt, Geld zu sammeln, um die Straße selbst zu richten. Dann, vor ein paar Tagen geschieht ein Wunder. Ein Lastwagen und ein kleiner Bagger kommen angefahren und was sehe ich, die Löcher werden mit Kies gefüllt. Giacomo hat nicht nur so getan, als dass er mir zuhört, er tat es tatsächlich. Denn mein Einwand, dass das Material für die Straße eh nicht das richtige sei, hat er sich gemerkt und nicht diesen gelben Sand einfüllen lassen, sondern richtigen Kies.

Man könnte die Straße besser instand setzen, sie haben nicht alle Löcher „gefunden“ aber ich will mich nicht beklagen, die größten Löcher sind zu und ich bin zufrieden – vorerst – bis es wieder neue Löcher gibt.

So sieht sie nun aus, die neue Straße. Nicht perfekt, aber wesentlich besser als vorher. Solche Straßen am Meer dürfen nicht asphaltiert oder zementiert werden, daher wird als Alternative ein kostengünstiges Material verwendet, welches leider eine sehr staubige Angelegenheit ist.

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