Ein Jahr auf Sizilien – ein Resümee

Inzwischen ist ein Jahr vergangen seit ich nach Sizilien ausgewandert bin. Da wird es mal Zeit ein Resümee zu ziehen über das was funktioniert und das was nervt. Ich fange mal mit dem an, was mich immer noch nervt und an was ich mich vielleicht nie gewöhnen kann, oder zumindest nicht so schnell:

Deutschland heißt gleich „da gibt’s Arbeit, da ist es toll“
Keine Frage, Deutschland ist nicht schlecht. Aber wenn man mich fragt woher ich komme, dann kommt da nicht als nächste Frage: „Aus welcher Ecke von Deutschland kommst du denn“? Nein, meistens wird schnell klar, dass für viele die Grenzen von Österreich, der Schweiz und Deutschland nicht so eindeutig sind und schnell verschwimmen. Wie zum Beispiel: „Ach aus Deutschland, ja mein Onkel wohnt auch in Bern.“ Aber das kann ich verschmerzen, was nerviger ist, dass ist die Aussage: „In Deutschland habt ihr wenigstens Arbeit! Da ist es toll!“ Ja, stimmt, haben wir! Und?

Auf Hitler angesprochen zu werden
Kaum zu glauben, aber auch 73 Jahre nach der Hitler-Ära werde ich immer noch auf Hitler angesprochen! Ob vom kleinen Palestinenserkind, oder vom Maurer, ganz egal. Was wir Deutschen mit den armen Juden gemacht hätten!! Ich hatte zu dieser Zeit noch nicht mal das Licht der Welt erblickt! Das Mussolini nicht besser war, anfangs ein Vorbild und später ein Verbündeter von Hitler, dass muss ich manchem Sizilianer erst erklären. Auch das andere Länder dabei waren, dass muss ich auch jedesmal erwähnen. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Aber das ist etwas, dass bringt mich so richtig auf die Palme!

Schlaglöcher
Jedesmal, wenn ich mich durch die Schlaglöcher von A nach B quälen muss, spielt meine Phantasie etwas verrückt! Da stelle ich mir immer vor, wie es wäre, die Bürgermeister der Städte täglich mit ihren Autos durch sämtliche Schlaglöcher jagen zu können, um sie spüren zu lassen wie das so ist. Die meisten Straßen gleichen hier einem Schweizer Käse! In unserer Gemeinde ist angeblich kein Geld dafür da, aber klar, seit dieser Bürgermeister an der Macht ist, scheint die finanzielle Lage auch immer schlechter zu werden. An Weihnachten wollte die Bank nicht mal das Geld für das 13. Gehalt für die Angestellten im Rathaus locker machen.

Unzuverlässigkeit von allen Seiten
Will man auf dem Rathaus mit einer bestimmten Person einen Termin haben, dann macht man den Termin am Empfang aus. So weit so gut. Ist der Tag X dann gekommen, man erscheint pünktlich, dann bekommt man am Empfang zu hören, dass diese Person leider keine Zeit hat, ihr/ihm ist etwas wichtiges dazwischen gekommen! Beim Termin mit dem Bürgermeister funktioniert das generell so, dass er nur auserwählte Personen empfängt, bei allen anderen schickt er einen Vertreter. Die Gemeinde ist bei Gott nicht so groß und wichtig, als das der Bürgermeister viel zu tun hätte, denn oft sieht man ihn beim fischen!

Seit Oktober letzten Jahres habe ich versucht einen Termin in der Autowerkstatt zu bekommen. Sage und schreibe acht Mal wurde ich vertröstet. Das lief dann immer so ab, dass der Meister sagte, komm Mitte der Woche vorbei, dann komme ich Mitte der Woche und dann hieß es, ich bin alleine… die Werkstatt ist schon voll… Deshalb geht hier nur eins, man muss schon in die Werkstatt gehen wenn man nur ein Geräusch hört. Und dann mehrere Werkstätten abzufahren und es eben bei dem reparieren zu lassen, der gerade Zeit hat.

Total nervig finde ich es auch, dass man für jedes Problem in eine andere Werkstatt muss. Für Elektronik, Mechanik, Reifen und Autoscheiben ist immer eine andere Werkstatt zuständig und bei allen läuft das Terminproblem gleich ab.

Müll
Eins haben die Sizilianer noch nicht begriffen, dass ist die Sache mit dem Müll. Wenn ich morgens am Strand spazieren laufe, dann liegen Plastikflaschen und diese fiesen kleinen Plastikreste haufenweise herum. Das tollste Schauspiel findet aber immer im Sommer statt. Da kommen die Familien mit ihren riesigen Strandtaschen und bringen vom Frühstück bis zum Abendessen alles mit. Bestenfalls machen sie noch ein Feuer und grillen. Wenn sie dann spät abends gehen, lassen sie den Müll liegen. Am anderen Tag beschweren sie sich dann über den Müll am Strand, warum den denn niemand weggeräumt hat! Glücklicherweise sind nicht alle so.

Unmöglich finde ich auch, dass der Müll überall entsorgt wird. An den Straßenrändern liegen Müllsäcke herum, ganz zu schweigen von den abgelegenen Straßen:

Müll in rauen Mengen wild abgelegtDabei ist die Natur hier so schön:

Weinreben und dazwischen Mohnblumen

So deppert der Bürgermeister auch ist, die Sache mit dem Müll, die könnte funktionieren, wenn einige aus der Bevölkerung nicht solche Ignoranten wären. Denn hier gibt es einen Gutschein, wenn man den Müll, egal was, direkt zur Sammelstelle bringt. Diese Gutscheine legt man im drauf folgenden Jahr bei der Gemeinde vor, dann werden diese mit der Müllrechnung verrechnet. Somit liegt am Strand bares Geld, man muss es nur sehen und aufheben.

So, und jetzt zu den Dingen, die mir einfach gut gefallen:

Hier bin ich auf der Insel Favignana. Auch die Schiffe machen mal außerhalb des Hafens halt.

Das Essen
Also, das Essen muss ich gleich an erster Stelle schreiben. Durch das milde Klima, auch im Winter, wächst hier halt das ganze Jahr über Gemüse. So kommt das frisch und ohne viel Dünger auf den Tisch. Es gibt auch immer eine Obstsorte die gerade reif ist. Im Winter sind das die Orangen und Zitronen, als nächstes werden die Nespole erwartet und so geht es weiter mit den Kirschen, Pflaumen, Granatäpfel, Kaktusfeigen, Feigen, Maulbeeren, und was es noch so alles gibt.

Was natürlich nicht vergessen werden darf, dass ist der frische Fisch. Einfach lecker! Ganz zu schweigen vom selbstgemachten Olivenöl, dem frischen Ricotta, der Wein und nicht zuletzt die überaus leckeren Süßspeisen.

Sardinen frisch vom Grill, so liebe ich das:

Ich liebe es! Frische Sardinen auf dem Grill geröstet....lecker!

Landschaft
Die Landschaft finde ich einfach wunderbar. Schneebedeckte Berge, die brauche ich nicht. Ich finde Wärme und das Meer viel schöner. Sizilien bietet da schon viel Abwechslung, im Winter die grünen Wiesen, auf dem Vulkan Etna könnte man theoretisch Ski fahren, denn da liegt Schnee. Das Meer ringsum und die vielen noch unbebauten Flächen. Hin und wieder ein Tempel und alles wächst unter der Sonne. So gefällt mir das:

Im Winter sind auch hier die Wiesen grün. Hier bei Agrigento mit Blick aufs Meer.

Wetter
Ich bin kein Skifahrer und somit vermisse ich auch keinen Schnee. Ich liebe es warm und weniger nass. Daher finde ich das Wetter hier wesentlich besser als in Deutschland. Die Temperaturen liegen im Winter so bei 10-15 Grad, kommt die Sonne raus, wirds auch gleich schön warm. Allerdings ist die Luftfeuchtigkeit am Meer wesentlich höher, dass ist auch nicht immer toll. Vor allem im Winter, wenn dann alles klamm und feucht ist. Passt man da nicht auf, dann kann einem die Bude mal ganz schnell weg schimmeln. Aber ansonsten bin ich mit dem Wetter sehr zufrieden.

Lebenshaltungskosten
In einem Newsletter hatte ich mal die Kosten von diversen Produkten und Dienstleistungen aufgelistet. Keine Frage, hier ist einiges wesentlich billiger. Zum Beispiel die Miete, für ein kleines Häuschen bezahlt man in einem kleinen Ort ca. 230 €. Allerdings ist die Versicherung für ein Auto wesentlich teurer als in Deutschland. Auch für die Milch, Eier und Joghurt bezahlt man mehr als in Deutschland. Dagegen ist das Obst, Gemüse, Fleisch, Käse und der Wein und das Olivenöl viel billiger. Was man bei dieser Kalkulation natürlich nicht vergessen darf, dass ist die Tatsache, dass die Menschen hier auch weniger verdienen. Dieses Verhältnis passt sich automatisch an.

Hilfsbereitschaft
Da die Menschen hier weniger besitzen, halten sie viel mehr zusammen. Die Hilfsbereitschaft ist groß und auch nötig. Denn nur wer Freunde hat, der kann auch mit weniger Geld klar kommen. Wenn schon der Staat nicht funktioniert und die Menschen hier alleine lässt, so müssen sie sich selbst helfen und das tun sie auch.

Korrupte Politiker und lockere Sizilianer
Eigentlich müsste ich Korrupt in der „gefällt mir nicht“ Kategorie schreiben. Aber dadurch, dass der Staat korrupt ist, musste sich das Volk arrangieren. Sie wissen, wie sie es nehmen müssen und sehen daher alles etwas lockerer. Klar regt sie das auf, aber sie lieben ihre Insel und werden deshalb nicht auswandern. Aus dem Grund sind sie inzwischen Meister beim finden von Schlupflöchern neben dem Gesetz geworden, was ja auch eine gewisse Genugtuung für sie ist. Das macht es auch für mich in mancher Hinsicht sehr angenehm.

Vielleicht macht das alles zusammen das „dolce vita“ aus! Mir gefällt’s trotz allem immer noch sehr gut hier.

Ein Abendrot in pink! Das gibt es hier im Sommer auch öfters zu sehen.

 

2 thoughts on “Ein Jahr auf Sizilien – ein Resümee

  1. Das kann ich Alles so unterschreiben. Bin meist von ca. März bis ca. Oktober hier, waren auch schon in den anderen Monaten hier.Aber die letzten Jahre konstant 6-8 Monate

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