Warum es für Italiener und besonders für Sizilianer so wichtig ist eine bella figura zu machen und warum man es als Auswanderer unbedingt übernehmen sollte.
Warum ich diesen Beitrag schreibe
Neulich hatte ich ein Erlebnis, das mich schwer zum Nachdenken gebracht hat und letztendlich dazu, diesen Beitrag zu schreiben. Obwohl ich schon viele Jahre auf Sizilien verbringe, gibt es immer noch Dinge, die mich erstaunen und zum Nachdenken anregen. Bei diesem Thema aber kann ich mir noch eine dicke Scheibe abschneiden, denn in manchen Bereichen bin ich einfach noch viel zu Deutsch.
Ich habe mich also mit einem Bekannten unterhalten der ein Ferienhaus vermietet. Er gehört nicht zu den Reichen und versucht immer irgendwie durchs Leben zu kommen. Thema war, das er durch die Vermietung ein paar Hundert Euro eingenommen hat und sich überlegt, ob er von diesem Geld einen Deckenventilator kaufen soll. Einen für das Schlafzimmer und einen für das Wohnzimmer. Das eingenommene Geld würde dafür gerade reichen. Preis pro Stück 150 €! Ein stolzer Preis finde ich, aber nach seiner Meinung sollen die Ventilatoren nicht nur funktionell, sondern auch noch schön sein und sein Häuschen schmücken.
Das habe ich mir alles angehört und ihm zu bedenken gegeben, dass er erst in vier neue Matratzen investiert hat, ein neues Sofa gekauft hat und auch sonst das Haus auf Vordermann gebracht hat. Mein Einwand war, dass er mit so viel Ausgaben am Jahresende nicht nur kein Geld verdient haben wird, sondern draufzahlen wird. Ergebnis der Unterhaltung: Er grinst mich an und sagt: “Ma faccio una bella figura!” – Aber ich mache eine gute Figur!
Mir hat das keine Ruhe gelassen und anschließend ausgiebig mit ihm über die bella figura diskutiert und nachgefragt. Mich hat das interessiert, warum es für einen Sizilianer so wichtig ist eine bella figura zu machen und ob das für alle Sizilianer gilt. Das Ergebnis dieser Unterhaltung und was eine bella figura überhaupt bedeutet, habe ich nachfolgend mit ein paar Beispielen niedergeschrieben.
Was bedeutet eine “bella figura”
Eine “bella figura” heißt im übertragenen Sinn eine “gute Figur machen”, oder “einen guten Eindruck machen”. Man könnte es auch als “das Gesichtwahren” bezeichnen.
Bei der bella figura ist die Basis immer, dass die Haltung, Anstand, Ästhetik und den Respekt vor den Mitmenschen gewahrt wird. Ehre und persönlicher Stolz stehen dabei im Mittelpunkt. Je weiter man von Norditalien in den Süden fährt, desto ausgeprägter und wichtiger wird das Handeln nach dem Grundsatz der bella figura. Der Stolz der Sizilianer ist weithin bekannt und wird durch eigenes Handeln gelebt und kultiviert.
Was ist der historische Ursprung der bella figura?
Sizilien wurde über Jahrhunderte immer wieder von fremden Herrschern besetzt. Da waren es die Araber und Normannen, die Bourbonen bis zu italienischen Herrschern die immer wieder versuchten, Sizilien und die Sizilianer zu unterjochen.
Da Sizilianer niemandem trauen und dem Staat schon gar nicht, blieb ihnen nicht viel anderes übrig, als ihre Würde und den Stolz. Daher war das Ansehen der Familie wichtig und jeder musste dazu beitragen, dass das auch so blieb. Dazu gehört, sich in der Öffentlichkeit makellos und respektabel zu präsentieren, also eine bella figura zu machen. Mit diesem Verhalten zeigten die Sizilianer früher und auch heute noch, dass man sie zwar arm halten kann, aber nicht ihre Würde berauben.
Wer legt Wert darauf, eine bella figura zu machen?
Auf Sizilien hat eine bella figura nichts mit Eitelkeit und falschem Stolz zu tun. Das Prinzip dahinter steht in jeder sozialen Schicht, jeder Altersgruppe und bei jedem Geschlecht im Mittelpunkt und das Handeln danach. Man könnte fast sagen, dass das Prinzip der bella figura nicht nur die sizilianische Kultur, sondern die italienische Kultur prägt.
Es gibt jedoch Unterschiede in der Art der Ausführungen eine gute Figur zu machen, die nach Personengruppen unterschiedlich ausfällt.
Junge Erwachsene und Jugendliche legen Wert auf Statussymbole und das “Gesehenwerden”
Junge Erwachsene und Jugendliche legen Wert auf Statussymbole. Nicht umsonst ist Italien führend in der Mode und hat große Modeschöpfer hervorgebracht. Denn junge Erwachsene legen Wert auf Trends. Sie legen Wert auf Markenkleidung, die ergänzt wird durch stylische Sonnenbrillen, die selbst bei schlechtem Wetter oder in Innenräumen nicht fehlen dürfen.
Neulich konnte ich das Tragen von Sonnenbrillen im Schuhladen als praktische Anwendung sehen. Die Männer kaufen mit Sonnenbrille ihre Schuhe, nur um die Farbe der Schuhe genauer zu sehen wird die Brille ein Stück von der Nase gezogen und danach wieder an Ort und Stelle gebracht. Aber ansonsten bleibt die Sonnenbrille während des gesamten Einkaufs auf der Nase.
Am Wochenende wird mit dem auf Hochglanz polierten Auto durch die Stadt flaniert, oder an der Stagnone entlang. Es ist wichtig, das man gesehen wird. Später sieht man sie wieder beim Aperitivo in angesagten Bars.
Die älteren Herrschaften legen Wert auf Respekt und makellose Kleidung
Von den jungen Erwachsenen bis ins hohe Alter ändert sich bei der Liebe zur makellosen Kleidung nur dahingehend etwas, dass die Kleider nicht mehr unbedingt der aktuellsten Mode entsprechen muss. Wichtig ist, dass das Hemd faltenfrei gebügelt ist, die Lederschuhe geputzt sind und auch bei Sommerhitze der Sakko nicht fehlen darf. So präsentiert man sich morgens in der Bar beim Cafè oder auf der Piazza beim Politisieren mit Freunden.
Neulich habe ich einen 92-jährigen Bekannten auf dem Fahrrad getroffen, er stand an der Straße und wartete, bis er über die Straße gehen konnte. Da ich ihn schon lange nicht mehr habe, habe ich angehalten und mit ihm gesprochen. Er war mit einem schwarzen Anzug und weißem Hemd und Hut bekleidet. Als ich ihn fragte, woher er kommt, da sagte er: “Vom Einkaufen!”. Ich fragte ihn, ob er immer im Anzug zum Einkaufen geht, da sagte er: “Ja, weißt du, die Anzüge habe ich noch von früher als ich arbeitete und die sind noch gut und deshalb ziehe ich die noch an.”
Frauen hingegen sind nicht viel anders als Männer, jedoch ist es ihnen wichtig, nicht nur gut angezogen zu sein, sondern auch modisch. Kleider vom Markt zieht man allenfalls an den Strand an, aber niemals, wenn man eingeladen ist. Außerdem legen sizilianische Frauen sehr großen Wert auf gepflegtes Äußeres und perfekt sitzende Frisuren. Zudem bleibt der Familienschmuck nicht in der Schatulle liegen, sondern wird getragen und das mit Stolz.
Geschäftsleute legen Wert auf Höflichkeit und Diplomatie
Auch bei Geschäftsleuten kann man sagen, dass Kleider Leute machen. Hier ist die Kleidung noch wichtiger, als bei den vorher beschriebenen Personengruppen. Die Anzüge sind Maßgeschneidert und die Krawatten aus Seide, die Schuhe sind aus glänzendem Leder. In dieser Kategorie ist der erste Eindruck die Visitenkarte.
Beim Verhalten wird unter Geschäftsleuten vor allem Höflichkeit und Diplomatie großgeschrieben. Es wird in Meetings vermieden lautstark zur diskutieren oder gar die Beherrschung zu verlieren. Ungeduldige machen eine “brutta figura”, also eine schlechte Figur. Kaum zu glauben, dass die heißblütigen Sizilianer sich beherrschen können, aber ich kann aus meinen beruflichen Erfahrungen berichten, dass mein Notar beim notariellen Akt die Höflichkeit und Diplomatie in Perfektion darbietet.
Die bella figura macht nicht vor sozial schwachen Halt
Stolz ist nicht von sozialen Schichten abhängig. Auch finanziell schwache Personen achten sehr darauf, dass die Kleidung sauber und intakt ist, ordentlich gebügelt und wenn möglich modisch. Im ersten Moment erkennt man auf der Straße nicht, ob es sich um sozial schwache Gruppen handelt.
Am Wochenende kann man beobachten, wie auch sozial schwache Familien am öffentlichen Leben teilhaben wollen und versuchen sich mit wenig Geld das gleiche Erlebnis zu schaffen wie es sich die Wohlhabenden tun. Besuche in Restaurants können sie sich nicht leisten, dafür wird an den Imbisswagen, die jeden Abend bei uns auf dem Parkplatz stehen eine Kleinigkeit gegessen und dann herausgeputzt und gestylt in der Stadt mit der ganzen Familie flaniert, so als ob man gerade aus dem Restaurant kommt.
Das Gegenteil von bella figura
Das Gegenteil von bella figura ist die brutta figura. Eine brutta figura macht man schneller als man gucken kann. Dafür reicht es schon, wenn man ein Restaurant mit kurzen Hosen und am besten noch mit einem Muskelshirt betritt.
Das Streiten in der Öffentlichkeit oder gar betrunken herumzugrölen ist verpönt. Ungepflegte Haare und unrasiert womöglich noch mit schmutzigen Schuhen macht eine brutta figura perfekt.
Ist es heute noch so, dass eine bella figura zu machen wichtig ist, oder ist das altbacken?
Keineswegs ist die bella figura außer Mode. Durch Auslandsreisen und Touristen wurden harte Konventionen aufgeweicht, dadurch ist es, verglichen mit früher, einfacher eine bella figura zu machen. Die Konventionen sind nicht mehr so steif. Anstelle eines Anzugs und damit, außer im beruflichen Umfeld, wohl eher overdressed zu sein, ist ein lockerer Dresscode ausreichend. Hauptsache modern, sauber und mit Stil getragen und natürlich mit Sonnenbrille.
Noch immer wird auf Sizilien eine Kultur gelebt, die auf Familie und Gemeinschaft aufbaut. Ein schlechtes Benehmen schadet der ganzen Familie.
Was nach wie vor wichtig ist, ist der Respekt vor dem Alter und die gute Erziehung. Dazu gehört auch die Begrüßung mit einem Bussi rechts und einem Bussi links, und zwar in alles Altersgruppen, angefangen vom Kleinkind bis zur betagten Person.
Wer schon als Tourist auf Sizilien war, der konnte sicherlich die Gastfreundschaft der Sizilianer genießen und in seinen ganzen Facetten erleben. Die Kunst der Gastfreundschaft haben Sizilianer im Fleisch und Blut und praktizieren es mit Leidenschaft.
Sollte man diese Eigenschaften der bella figura übernehmen, vor allem, wenn man auf Sizilien leben will?
Diese Frage ist mit einem eindeutigen JA zu beantworten. Wer dauerhaft auf Sizilien leben und sich in die Gesellschaft integrieren möchte, für den sollte die bella figura keine Option sein, sondern eine Pflicht, um in die Gesellschaft aufgenommen zu werden. Sie verhindert Isolation und erleichtert das Ankommen auf der Insel.
Bei Behördengängen sollte man unbedingt auf ein gepflegtes Äußeres achten. Bereits in der Schule wurde man mit der Lektüre “Kleider machen Leute” konfrontiert. In Behörden ist der Titel Programm.
Die bella figura endet aber nicht am Kleiderschrank. Dazu gehört auch, das man verlässlich ist und zu seinem Wort steht. Man muss vertrauenswürdig sein und nicht arrogant, weil man vielleicht ein paar Euros mehr in der Tasche hat.
Wer sich im ländlichen Raum niederlassen möchte, der steht unter besonderer Beobachtung. Nachbarn sind sehr neugierig. Es ist für sie wichtig gegrüßt zu werden und sie legen Wert darauf, dass der Fremde zuerst grüßt.
Sollte einmal Kritik notwendig sein, wegen nächtlichem Lärm, stinkenden Hühnern oder anderem, dann sollte diese diplomatisch und subtil verpackt sein.
Hat man es so weit geschafft und wird vom Nachbarn eingeladen, dann sollte man ein kleines Geschenk, zum Beispiel leckeres Gebäck aus der Pasticceria nicht vergessen mitzubringen.