Ein Erlebnis der besonderen Art

Ein Tag im Januar, super Wetter, kein Wind so um die 20 Grad. Ich beschließe einen kleinen Ausflug zu machen. Also fahre ich aufs grate Wohl los, immer am Meer entlang und finde mich bei den Salinen in Marsala wieder. Bei der Windmühle gibt es ein Restaurant und eine kleine Bar. Ich beschließe hier einen Kaffee zu trinken, denn es ist so schön auf die Salzbecken zu schauen, die Vögel zu beobachten und einfach die Sonne zu genießen.

Aber, es kommt anders als gedacht. Das Restaurant Mamma Caura ist geschlossen und die Bar wird gerade umgebaut. Das einzige was so ist wie immer, dass ist der alte Mann, der unter seinem Sonnenschirm sitzt und aus Tuffstein Gegenstände schnitzt. Er tut mir irgendwie leid, sitzt da so ganz alleine und arbeitet vor sich hin. Ich gehe zu ihm hin, denn einen Aschenbecher brauche ich sowieso, denn der alte ging vor kurzem kaputt. Und das ist sein Geschäft:

Werkstatt und Ausstellung in einem

Peppe, so heißt er, ist sehr nett und wir kommen sofort ins Gespräch. Wie er mir erzählt ist er ein Poet und sitzt seit 20 Jahren jeden Tag hier, bei Sonne und bei Regen. Dann gibt er mir eine Fotokopie, zusammengestückelt aus diversen Zeitungsausschnitten und fängt an ein Gedicht aufzusagen:

Und hier die Übersetzung, denn er spricht in Sizilianisch und stell sich zuerst in Gedichtform vor:

Ich bin der schnitzende Poet Peppe Genna.
Ich bin der perfekte Poet.
Der Poet der 100 Berufe und noch bin ich nicht müde.
Der Poet der wegen Hunger auf der ganzen Welt berühmt wurde.

(Dann kommt das Gedicht:)

Stagnone
Der Schaum des Meeres
das Meer der Stagnone
Wasser, dass zu Salz wird
in den Becken eingeschlossen
Boote, die sie überqueren
bewegen das Wasser ganz sanft
um zu den Inseln zu gelangen
wo es still ist und man keine Stimmen hört.
Die Fische sieht man springen,
leise, still, ganz still.
Hier, ja hier kann man bleiben,
um ein schönes Schläfchen zu machen.
Dann wachst du am Morgen auf
und siehst die schöne Sonne aufgehen.
Du findest dich am schönen frischen Meer wieder.
Dann geht die Sonne unter, so Gott will.
Wer hier geboren wird
darf nicht von hier weg gehen
und darf auch nicht umhergehen.
Hier kann man bleiben.
Für mich ist es der schönste Platz auf der ganzen Welt.
Der Wind der die Windmühlen antreibt
haben ihre Rechte und ihre Gründe.
Ich schreibe diese Verse ganz ehrlich.
Mozia du, eine der Inseln, bist Zeuge.

Wie ein Blatt am grünen Baum
vom Wind gepflückt
ist es zu mir geflogen
und hat mein Herz durchdrungen
und so habe ich verstanden wie die Liebe geboren wird.

Ist deine Liebe der Mond, will sie etwas klären.
Die Sonne will mich wärmen.
Ist deine Liebe Wein, will sie mich betrunken machen.
Ist deine Liebe Wasser, will sie meine Seele säubern.
Ist deine Liebe Wind, will sie mich mit dir forttragen.

Du bist gut wie die Erde,
du bist schön wie die Sonne
und hast mein Herz in den Krieg geführt.

Am Ende des Gedichts fragt er mich ganz unvermittelt: „Wie heißt du?“
ich: Claudia.
er: „Wie“
ich: CLAUDIA!
er:“Ah, ein schöner Name.“

Wir unterhalten uns sehr lange, Peppe ist sehr sympatisch und erzählt mir, dass seine Gedichte beim arbeiten entstanden sind. Er sagt, dass er oft Hunger gelitten hat und so sind seine 100 Berufe von denen er erzählt hat, entstanden. Er erzählt, dass er, wenn er mit einer Arbeit nicht genug verdienen konnte, sich noch eine zweite Arbeit gesucht hatte. So kam es, dass er in seinem Leben sehr viele Berufe gelernt hat.

Ich hatte wirklich meinen Spaß mit Peppe und werde sicher wieder einmal vorbei schauen. Er spricht auch ein paar Worte deutsch, da er auch mal in Deutschland gearbeitet hat. Eins war jedoch sofort klar, er freut sich auf jeden der stehen bleibt und sich mit ihm unterhalten möchte und natürlich freut er sich auch, wenn er eines seiner Werke verkaufen kann.

Ich schaue zur Windmühle und sage, hier ist es wirklich schön:

Windmühle in den Salinen von Marsala

Daraufhin sagt er: „Weist du, dazu muss ich dir gerade eine kleine Geschichte erzählen!“

Und so beginnt er zu erzählen: Es war einmal ein Mann, der wollte unbedingt ins Paradies, er hatte schon so viel gutes vom Paradies gehört. Also redet er mit Petrus und sagt: Bitte bitte Petrus, lass mich auch ins Paradies. Ich habe schon so viel Gutes gehört, ich möchte auch einmal im Paradies gewesen sein.“ Petrus sagt: „Ok, aber nur für eine Woche.“ Der Mann freut sich und geht ins Paradies. Er isst dort, lässt sich verwöhnen, schaut sich die Gegend an und genießt die Zeit im Paradies. Als eine Woche vorbei ist, muss er wieder auf die Erde zurück. Er findet aber, dass es im Paradies viel schöner war, so ruhig und entspannend. Also geht er wieder zu Petrus und sagt: „Ich möchte für immer im Paradies sein.“ Petrus aber lehnt das zuerst rigoros ab, es kann nicht jeder einfach so ins Paradies wollen. Der Mann aber gibt nicht auf und redet weiter auf Petrus ein. Schließlich gibt Petrus nach und lässt den Mann ins Paradies. An der Pforte gibt er dem Mann eine Arbeitskleidung und Arbeitsgeräte. Nach einer gewissen Zeit geht der Mann wieder zu Petrus und beschwert sich, er sagt zu ihm: „Du Petrus, ich muss hier arbeiten, es ist auch nicht anders, als es auf der Erde war!“ Daraufhin sagt Petrus zu ihm: „Als du diese eine Woche bei uns warst, da warst du als Gast hier. Jetzt bist du für immer hier und daher musst du arbeiten, so wie die anderen auch!“

Und zum Schluss schenkt er mir noch eine kleine Blume aus Tuffstein und einen typischen sizilianischen Besen aus Schilfgras im Miniformat:

Aschenbecher und Blume aus Tuffstein und einen typischen sizilianischen Mini-Besen aus Schilfgras

Der Aschenbecher hat eine Höhe von 3 cm! Nun wird deutlich, was für eine penible Arbeit es ist, diese kleinen Dinge aus einem unhandlichen Material herzustellen. Er ist halt wirklich ein Künstler!

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